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Restauration einer Tischuhr

Als die Uhr in die Werkstatt kam, war da zuerst dieser Widerspruch.

Sie war einmal teuer gewesen, eine Luxusuhr, gebaut, um Eindruck zu machen, nicht um irgendwo mitzuschwimmen. Eine Uhr mit eigener Geschichte, und diese Geschichte kam gleich mit zur Tür herein.

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Sie wurde mir von einem Arzt gebracht. Nicht mit großem Gerede, eher mit einem Blick, der sagte: Das ist mir nicht ganz geheuer, was ich da angerichtet habe. Der Makel am Dach war nämlich kein „Altersschaden“, sondern ein Unfall. Ein Kronleuchter war gestürzt, und was danach übrig blieb, war kein romantischer Riss der Zeit, sondern ein schlecht geflicktes Loch, dick überbeizt, damit man es nicht mehr sehen muss, und damit man es selbst nicht mehr sehen muss.

Buffetuhr-www.wandel-der-Zeit.de_02Der Zustand passte zu dieser Art Verdrängung.

Das Gehäuse war aus dem Leim, wacklig in sich, die Applikationen lose, als hätten sie längst aufgehört, daran zu glauben, dass sie hier noch gebraucht werden.

 

Die Verschmutzung war nicht nur Staub, sondern eine lange Schicht aus Alltag, Luft, Fett, Abgriffen, altem Wachs und dem, was sich eben absetzt, wenn ein Gegenstand nicht mehr gepflegt, nur noch geduldet wird. Lauffähig war sie so nicht mehr.

 

Also begann die Arbeit nicht am Werk, sondern am Holz. Das Gehäuse wurde zerlegt, nicht grob, nicht hastig, sondern so, wie man eine Konstruktion auseinander nimmt, die man später wieder zusammenbringen will, ohne dass sie ihre Form verliert. Jedes Holzteil wurde einzeln restauriert, Kanten gerichtet, Flächen stabilisiert, Verbindungen wieder sauber gemacht. Buffetuhr-www.wandel-der-Zeit.de_03

Das Loch am Dach wurde nicht „irgendwie geschlossen“, sondern so vorbereitet, dass es wieder tragfähig wird. Zugespachtelt, geglättet, neu aufgebaut, mit neuem Furnier überzogen, so, dass die Reparatur nicht nach Reparatur schreit. Buffetuhr-www.wandel-der-Zeit.de_04

Danach wurde das Gehäuse wieder zusammengeleimt, nicht als Kompromiss, sondern als Rückkehr zur Statik, die es einmal hatte. Zum Schluss poliert, bis die Oberfläche wieder Tiefe bekam, nicht künstlichen Glanz, sondern diesen warmen, ruhigen Schein, den gutes Holz nur dann zeigt, wenn es nicht übertönt, sondern verstanden wurde.

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Sie sehen hier das schon passend gebeizte Furnier, das ich aus Altbeständen ausgesucht habe. Nachfolgend wird das ganze Gehaüse gewachst und poliert, da Eiche offenporig ist und offenporig bleiben muss.

Buffetuhr-www.wandel-der-Zeit.de_06Erst dann kam das Werk an die Reihe.

Ausgebaut, zerlegt, wirklich bis in die Einzelteile, nicht als Ritual, sondern weil nur so die alte Schicht aus verharzten Ölen, Schmutz und Abrieb verschwindet, ohne dass man ihr mit Gewalt beikommt.

 

Jedes Teil wurde gereinigt. Zapfen wurden poliert, bis sie wieder sauber laufen, nicht schneidend, sondern glatt. Zerschlissene Lager wurden ersetzt, weil es keinen Sinn hat, eine Uhr zu „retten“, wenn man sie anschließend weiter in ihren eigenen Verschleiß hineinarbeiten lässt.

 

Auch das Schlagwerk bekam, was es verdient.

Das Hämmerchen bekam einen neuen Lederbezug, weil ein Ton nur dann schön ist, wenn er nicht aus Härte entsteht, sondern aus Kontrolle. Kein scheppernder Kompromiss, kein zufälliges Klacken, sondern wieder ein Klang, der weiß, wofür er da ist.

 

Und dann kam dieser Moment, der sich jedes Mal gleich anfühlt, egal wie oft man ihn erlebt.

 

Wenn alles wieder zusammen ist, wenn das Werk seinen Takt findet, wenn sich Kraft gleichmäßig aufbaut, wenn die Hemmung ruhig arbeitet, wenn der Schlag nicht drängt, sondern stimmt.

 

Wenn aus Teilen wieder eine Uhr wird. Am Ende steht keine „restaurierte Uhr“, wie man sie aus Ebay-Verkaufsanzeigen kennt, unsachmäßig mit Schellack beklatscht, oder noch schlimmer, mit modernem Sprühlack aus der Dose eingesprüht, womöglich mit mitlackiertem Dreck oder voller Lacknasen.

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So sah das Werk vor der Reinigung aus. Ein ganz normaler Zustand, denn viele Leute lassen ihre Uhren ohne regelmäßige Revision laufen, bis nichts mehr geht. Zuletzt liefen sie nur noch, weil die Kraft der Federn irgendwie noch an das Räderwerk weitergegeben wurde. Im Federhaus war längst kein schmierfähiges Fett mehr, das Uhrenöl in den Lagern hatte die Viskosität verändert und die Lager waren durch Feinstaub und Verharzungen schon oval aufgeschmirgelt.

 

Lohnt sich die Arbeit? Finanziell vielleicht nicht, aber eine Uhr zu restaurieren, statt eine moderne, mit begrenzter Lebenszeit zu kaufen, ich nachhaltig. So eine Uhr kann bei guter Pflege noch einmal hundert Jahre leben und sogar länger. Denn, was Menschen geschaffen haben, können Menschen auch reparieren. Aber leider stirbt der Uhrmacherberuf aus, Handwerk wird nicht mehr geschätzt, es zählt nur noch “Geiz ist geil”.

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Am Ende der Restauration steht eine Uhr da, die wieder so wirkt, wie sie gedacht war, in den 1920er Jahren, als sie gebaut wurde. Nicht geschniegelt, nicht modernisiert, sondern wieder würdig.

Und ja, sie strahlt, aber nicht wie eine Neuware. Eher wie etwas, das man lange nicht gesehen hat, und plötzlich wieder erkennt. Diese Uhr wurde nicht erneuert. Ihr Leben wurde verlängert.

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Und genau darin liegt der eigentliche Wert solcher Arbeit: Nicht etwas Neues zu schaffen, sondern etwas Bestehendes wieder tragfähig für die nächsten Jahre, vielleicht Jahrzehnte, zu machen.

 

Der nette Herr Doktor wollte die Uhr selbst nicht mehr haben. Aber er wollte sein Mißgeschick aus der Jugend wieder wettmachen. Er beauftragte mich zur Restauration und Reparatur, bezahlte alles und bat mich, für die nun mir geschenkte Uhr ein würdiges neues Zuhause zu finden, in dem sie so geliebt wird, wie sie von seiner Großmutter geliebt wurde. Sie könenn die ganze Geschichte dieser Uhr hier im Verkaufstext lesen: Mathilde Schönherr und die vergessene Uhr

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