

Drehen wir die Zeit noch einmal zurück, diesmal in einen Berliner Hinterhof zwischen Kriegsende und den 1920er Jahren.
Mietskaserne, Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude. Unten im Hof ein paar Blecheimer, Kohlenstaub, Wäscheleinen, irgendwo ein Kanarienvogel im Käfig.
Die Toilette liegt halbe Treppe, im Winter klamm und im Sommer miefig. In der Wohnung selbst: Küche als Wohnraum, schmaler Flur, vielleicht noch eine Kammer, in der sich zwei Kinder ein Bett teilen. Löhne von Arbeitern und kleinen Handwerkern, die nach der Woche aussehen, nicht nach Träumen.
Und mitten in dieser Kargheit hängt an der Wand über dem Küchentisch ein Regulator.
Schwarz oder braun gebeiztes Holz, gedrechselte Zierleisten, und in der Tür das „feine“ Stück: Eine typische Bleiverglasung mit facettierten Gläsern, die das wenige Licht brechen.
Wenn am Sonntag die Sonne kurz in den Hof fällt, hat man für ein paar Minuten eine kleine Lichtorgel im Zimmer.
So ein Regulator war kein Luxusartikel der Oberschicht mehr, aber eben auch kein Kinkerlitzchen. Die Uhren waren erschwinglicher geworden, weil die Industrie gelernt hatte, nach amerikanischem Muster zu fertigen. Man vereinfachte die Werke konsequent:
Statt aufwendiger Graham Hemmung eine einfachere Blechanker Hemmung,Das senkte die Preise, aber nicht den Anspruch, dass es eine „richtige“ Uhr sein sollte.
Im Schwarzwald hatte sich die Feinmechanik konzentriert, eine eigene Welt aus kleinen Werkstätten und Fabriken, die Uhrwerke in allen Qualitätsstufen bauten.
Aus derselben Technik wuchsen bald die Antriebe für Grammofone. In Orten wie Sankt Georgen wurden Federwerke, Räder und Regler gebaut, die erst Wand und Standuhren antrieben, später Grammofone, noch später Plattenspieler.
Dort entstand auch die Firma Dual, zunächst als Hersteller von Federantrieben, lange bevor der Name für Hifi Anlagen stand.
An einem Regulator wie dem im Berliner Hinterhof hingen trotzdem mehrere Handwerke:
Das Ergebnis war ein Serienprodukt, ja, aber mit deutlich mehr Hand an jedem Einzelstück, als wir heutigen Konsumgöttern lieb wäre.
Wenn abends der Ofen bollerte und aus einem frühen Radio im Vorderhaus ein Tanzorchester, ein Schlager oder die Nachrichten durch das Treppenhaus wehten, dann war der Regulator die stille Instanz an der Wand. Er gab den Takt vor, wann der Schichtarbeiter morgens los musste, wann die Kinder im Bett zu sein hatten, wann die Untermieter die Küche räumen sollten.
Für eine Arbeiterfamilie war die Anschaffung eines solchen Reglers ein Ereignis. Man sparte, man rechnete, man verzichtete. Vielleicht wurde er zur Hochzeit gekauft, vielleicht als „Aufstiegssymbol“, wenn der Lohn gereicht hat, um endlich aus der Schlafburschen Zeit herauszukommen.
Entsprechend wurde er behandelt. Die Bleiverglasung wurde geputzt, das Gehäuse gelegentlich abgewischt. Kinder bekamen erklärt, dass man die Tür nicht zuknallt und den Pendel nicht anfasst. Wenn der Regulator nach Jahren anfing, nachzugehen oder stehenzubleiben, ging man nicht zum Sperrmüll, sondern zum Uhrmacher.
Die Leute dort im Hinterhof hatten wenig. Aber dieser Regulator, mit seinem facettierten Glas und seinem Werk aus Schwarzwälder Feinmechanik, war ein Stück selbst erarbeitete Würde. Ein Beweis, dass man dazugehörte zu denen, die sich eine „richtige Uhr“ leisten konnten und die gut genug erzogen waren, sie zu pflegen.
Und genau darin steckt der Punkt, den wir heute so gern mit modernen Schlagworten überkleben. Unsere Vorfahren hätten das Wort „Nachhaltigkeit“ vermutlich nicht benutzt. Sie haben sie gelebt. Nicht, weil es in irgendeinem Werbeprospekt stand, sondern weil es keine Alternative gab. Rohstoffe waren teuer, Arbeitszeit war kostbar, und ein Gegenstand, in dem so viel davon steckte, wurde nicht weggeworfen, nur weil er nicht mehr ganz neu war. Er wurde repariert, gepflegt, weitergegeben.
Ein Regulator wurde nicht für fünf Jahre gebaut, sondern für Generationen. Der Gedanke, ihn aus purer Bequemlichkeit zu ersetzen, wäre in einem Berliner Hinterhof der 1920er Jahre absurd gewesen. Man hätte eher am Abendbrot gespart, als ein funktionierendes Werk einfach zu entsorgen.
Wenn man sich das vor Augen führt, die Arbeitswelt der Zeit, die Enge der Wohnungen, den Stellenwert einer solchen Uhr, ihre handwerkliche Herkunft aus dem Schwarzwald, oder aus Frankreich, Österreich, etc., die beteiligten Gewerbebetriebe vom Gehäusetischler, über Steinmetz bis zum Tonkonstrukteur, dann wirkt unsere Gegenwart ziemlich merkwürdig.
Wie kommt man ernsthaft auf die Idee, ein solches Stück mit „Flohmarktware, 10 bis 20 €“ abzutun? Wie viel Unkenntnis, wie viel Geschichtsvergessenheit und wie viel Geringschätzung für fremde Lebensleistung braucht es, um aus einem Symbol mühsam erarbeiteter Würde ein virtuelles Ramschetikett zu machen?
Und dann schauen wir auf uns selbst. Wir haben uns in gut hundert Jahren vervielfacht, haben unseren Konsum explodieren lassen und uns in eine Wegwerfgesellschaft verwandelt, in der das Entscheidende nicht mehr die Haltbarkeit eines Gegenstands ist, sondern seine Neuheit. Wir kaufen Geräte, die mit eingeklebten Akkus, verkapselten Modulen und geplanter Kurzlebigkeit konstruiert werden. Wir produzieren Elektroschrott in Stückzahlen, von denen sich die Leute im Hinterhof nicht einmal eine Fantasie machen konnten, und reden uns ein, das sei „normaler Fortschritt“.
Was früher über Generationen vererbbar war, wird heute nach ein paar Jahren Firmwareupdates, einem geplatzten Kondensator oder einem nicht mehr lieferbaren Akku zum Problemfall. Nicht, weil es technisch unmöglich wäre, so etwas reparierbar zu bauen, sondern weil es wirtschaftlich bequemer ist, wenn der Kunde regelmäßig neu kaufen muss. Also entsorgen wir, was nicht mehr glänzt, und stopfen es in Container, die irgendwo auf der Welt landen, weit genug weg, damit wir es nicht sehen müssen.
Gleichzeitig erzählen wir uns mit großem Ernst, wie wichtig Nachhaltigkeit sei, während wir Geräte konsumieren, deren Lebensdauer kürzer ist als der Reparaturzyklus eines einfachen Reglers.
Wir kleben uns ein grünes Etikett auf die Stirn, sortieren den Müll in fünf Tonnen und fühlen uns ökologisch im Reinen, während wir funktionierende Dinge durch neue ersetzen, nur weil eine App nicht mehr unterstützt wird oder das Design „alt“ wirkt.
Vor diesem Hintergrund wirkt so ein Kommentar „Flohmarktware, 10 bis 20 €“ nicht nur ahnungslos, sondern fast beleidigend. Da hängt ein Stück gelebter Nachhaltigkeit an der Wand: Holz, Messing, Glas, Mechanik, gebaut, um lange zu funktionieren, mit einem Ressourcenverbrauch, der sich über viele Jahrzehnte amortisiert hat.
Und ausgerechnet wir, die wir uns durch kurzlebige Elektronik und billige Massenware arbeiten, maßen uns an, den Wert solcher Dinge auf das Niveau einer Wühltischlampe herunterzuziehen.
Ich bin froh, dass ich in meinem Beruf genau an dieser Stelle das Gegenteil tun kann.
Ich darf erhalten statt entsorgen, reparieren statt wegwerfen, Geschichte verlängern statt sie auf dem Recyclinghof enden zu lassen.
Jede Uhr, die nach einer Überholung wieder läuft, ist ein stiller Widerspruch gegen die Wegwerfbequemlichkeit unserer Zeit.
Und nein, solche Kommentare sind mir nicht egal. Sie bringen mich in Rage, weil sie zeigen, wie gründlich wir verlernt haben, Leistung, Material und Lebenszeit zu achten – unsere eigene und die der Generationen vor uns.
Wer eine solche Uhr auf „Flohmarktware, 10 bis 20 €“ herunterbricht, beweist vor allem eines:
Dass er nicht im Mindesten versteht, was er da vor sich hat.
Es klingt erst einmal verlockend:
Die eigene Uhr ist kaputt, also schnell bei Ebay schauen, dort gibt es doch „ähnliche“ für wenig Geld. Ein Klick, ein Paket, Problem gelöst. In der Praxis ist das fast immer eine Illusion.
Der erste Stolperstein sind die sogenannten „Privatverkäufer“, die faktisch gewerblich handeln.
Ganze Profile voller Uhren, aber jedes Angebot endet mit denselben Sätzen: „Privatverkauf“, „keine Rücknahme“, „keine Gewährleistung“.
Damit entzieht man sich elegant dem Fernabsatzrecht und jeder Verantwortung.
Wenn etwas nicht stimmt, ist das Risiko vollständig ausgelagert, nämlich auf den Käufer.
Das sind keine harmlosen Formulierungen, sondern Warnhinweise.
Eine mechanische Uhr ohne Schlüssel ist keine Bagatelle, sondern schlicht nicht funktionsfähig.
Und „nicht getestet“ heißt in der Praxis sehr oft: Sie läuft nicht, oder nur so lange, bis sie beim Käufer ankommt.
Besonders unerquicklich wird es bei Uhren, bei denen der Vorbesitzer bereits beim Uhrmacher war. Der Kostenvoranschlag liegt vor, die Diagnose auch. Statt sich der Reparatur zu stellen, wird die Uhr
dann „aus Zeitmangel“ oder „wegen Haushaltsauflösung“ eingestellt.
Der Preis ist so gewählt, dass er verlockend wirkt, aber hoch genug, um den Reparaturbedarf zu kaschieren. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Der Käufer übernimmt ein bekanntes Problem, ohne davon zu wissen.
Und selbst wenn die Uhr theoretisch funktionieren könnte, scheitert es oft an etwas sehr Profanem: dem Versand. Schlampig verpackt, Pendel nicht gesichert, oder nichtn ausgehängt, Werk nicht fixiert, Glas ohne Schutz. Was Jahrzehnte überstanden hat, zerlegt sich auf den letzten 400 Kilometern im Paketdienst. Der Schaden ist dann neu, aber bezahlt wird er vom Käufer.
Diese „Schnäppchen“ landen am Ende häufig bei mir. Nicht, weil ich sie suche, sondern weil sie ihren Besitzern um die Ohren geflogen sind. Die Uhr läuft nicht, schlägt falsch, bleibt nach wenigen Stunden stehen, ist auf dem Versandweg beschädigt worden oder entspricht schlicht nicht dem, was die Fotos und Formulierungen nahegelegt haben.
Und dann steht man plötzlich mit zwei Problemen da: einer kaputten Uhr und einer Ebay-Erfahrung, die rechtlich wie praktisch nicht mehr rückabwickelbar ist. „Privatverkauf, keine Rücknahme“, „konnte nicht getestet werden, habe keinen Schlüssel“, „lief beim letzten Aufziehen noch“ – all diese Sätze kennt man. Sie sind keine Ausnahme, sie sind der Normalfall. Hinzu kommt eine wachsende Grauzone aus privat-gewerblichen Verkäufern, die genau wissen, wie man sich elegant am Fernabsatzrecht, an Gewährleistung und Verantwortung vorbeimogelt.
Nicht selten sind es genau die Uhren, bei denen bereits ein Uhrmacher gesagt hat, was Sache ist und was eine Reparatur kosten würde. Statt diese Konsequenz zu ziehen, werden sie noch schnell weitergereicht, mit wohlklingenden Worten, schlechten Fotos und einer Portion Hoffnung auf einen Dummen, der es schon richten wird. Dass diese Uhren oft schlampig verpackt, lieblos verschickt und mechanisch völlig ungesichert auf die Reise gehen, setzt dem Ganzen die Krone auf.
Die bittere Erkenntnis kommt meist spät. Man hat Geld ausgegeben, Zeit verloren, sich gefreut, gehofft, gewartet – und steht am Ende wieder dort, wo man angefangen hat. Nur mit einer anderen Uhr, die nun ebenfalls repariert werden muss. Manchmal sogar schlimmer beschädigt als die eigene, die man ursprünglich ersetzen wollte.
Eine eigene Uhr reparieren zu lassen ist kein romantischer Luxus und auch kein nostalgischer Spleen. Es ist oft die nüchternste, ehrlichste Lösung. Man weiß, was man hat. Man kennt die Geschichte, die Macken, die Herkunft. Man investiert nicht in vage Versprechen, sondern in Substanz. In ein Werk, das man einschätzen kann, in ein Gehäuse, das sich reparieren lässt, und in eine Uhr, die nach der Überholung wieder verlässlich ihren Dienst tut.
Das „Schnäppchen“ dagegen ist häufig nichts anderes als die Weitergabe eines Problems. Kein Neuanfang, keine Abkürzung, sondern eine Verzögerung mit Mehrkosten. Nur eben mit Trackingnummer..
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